Los Angeles ist hässlich!

Warum ich trotzdem hierher ausgewandert bin…

„Los Angeles ist hässlich.“ Wenn ich jedes mal einen Dollar bekommen würde, wenn mir diesen Satz gesagt wird, könnte ich vermutlich inzwischen die Parkgebühren in Beverly Hills bezahlen. Und wisst Ihr was? Die Kritiker haben sogar ein Stück weit recht!

Los Angeles kann hässlich sein. Es gibt Straßen, die aussehen wie ein Gewerbegebiet am Stadtrand. Es gibt endlose Parkplatzwüsten, sechsspurige Straßen, Strommasten und Kreuzungen, die man lieber mit etwas Mut als mit einem Stadtplan überquert. Dazu kommen Staus, die lang genug dauern, um erst einen Podcast zu hören, dann einen zweiten und anschließend über den Sinn des Lebens nachzudenken.

Wenn Schönheit für Euch bedeutet, durch historische Altstädte zu schlendern, mittelalterliche Gassen zu entdecken und an jeder Ecke ein perfektes Postkartenmotiv zu finden, dann wird Los Angeles wahrscheinlich nicht auf Platz eins Eurer Liste landen. Vielleicht nicht einmal unter den schönsten Städten Kaliforniens.

Und trotzdem ziehen jedes Jahr Menschen aus aller Welt hierher. Trotzdem kehren Besucher immer wieder zurück. Und trotzdem ertappe ich mich regelmäßig dabei, an irgendeinem Aussichtspunkt zu stehen und zu denken: „Verdammt, das hier ist schon ziemlich großartig.“

Warum eigentlich?

Los Angeles ist das Gegenteil einer Urlaubspostkarte

Viele Reiseziele präsentieren ihre schönsten Seiten sofort. Paris zeigt Euch den Eiffelturm. Rom zeigt Euch das Kolosseum. New York zeigt Euch seine Skyline. Los Angeles zeigt Euch zunächst einmal Verkehr.

Genau das ist wahrscheinlich das größte Problem der Stadt. Sie ist furchtbar schlecht darin, sich selbst zu verkaufen. Wer am Flughafen landet und auf dem Weg zum Hotel aus dem Fenster schaut, erlebt selten den großen Wow-Moment. Stattdessen ziehen Freeways, Fast-Food-Restaurants, Tankstellen und Wohngebiete vorbei.

Die ersten Eindrücke sind oft ernüchternd. Das ist ungefähr so, als würde man bei einem ersten Date ausschließlich über Steuererklärungen sprechen. Die wirklich interessanten Geschichten kommen erst später. Und genau deshalb verlassen manche Menschen Los Angeles enttäuscht. Sie urteilen über die Stadt, bevor sie überhaupt angefangen hat, sich vorzustellen.

Die Stadt hat kein Zentrum. Und genau das verwirrt uns Europäer.

Als Europäer suchen wir automatisch nach dem Zentrum einer Stadt. Wo ist die Altstadt? Wo ist der Marktplatz? Wo spielt sich das Leben ab? In Los Angeles lautet die Antwort meistens: „Kommt darauf an.“

Los Angeles funktioniert nicht wie München, Hamburg oder Barcelona. Die Region ist eher ein riesiges Puzzle aus Städten, Stadtteilen und Nachbarschaften, die im Laufe der Zeit zusammengewachsen sind. Santa Monica, Pasadena, Beverly Hills, Venice Beach oder Malibu gehören alle zur selben Metropolregion und fühlen sich trotzdem völlig unterschiedlich an.

Für Besucher kann das zunächst verwirrend sein. Man fährt eine halbe Stunde und hat plötzlich das Gefühl, in einer anderen Stadt angekommen zu sein. Noch einmal zwanzig Minuten später wirkt wieder alles komplett anders. Genau das macht Los Angeles gleichzeitig schwierig und faszinierend. Man besucht hier nicht eine Stadt. Man besucht viele verschiedene Welten gleichzeitig.

Ja, der Verkehr nervt!

Lasst uns kurz über den Elefanten auf dem Freeway sprechen. Ja, Los Angeles hat Verkehr. Viel Verkehr. Manchmal sogar absurd viel Verkehr. Es gibt Tage, an denen Google Maps eine Fahrzeit anzeigt, die eher wie ein höflicher Vorschlag als wie eine belastbare Prognose wirkt.

Und natürlich kann das nerven. Vor allem für Besucher, die gewohnt sind, innerhalb von zehn Minuten überall anzukommen. In Los Angeles lernt man schnell, Entfernungen nicht in Kilometern zu messen, sondern in Minuten. Oder manchmal sogar in Stunden.

Mit der Zeit merkt man jedoch, dass Verkehr hier fast so selbstverständlich ist wie Regen in Norddeutschland. Man plant anders, fährt zu anderen Zeiten und arrangiert sich damit. Außerdem entdeckt man auf diesen Fahrten ständig neue Ecken der Stadt. Andere Städte erlebt man zu Fuß. Los Angeles erlebt man oft durch die Windschutzscheibe.

Die Stadt zeigt ihre schönsten Seiten nicht jedem

Vielleicht beschreibt das Los Angeles besser als alles andere: Die Stadt arbeitet nicht aktiv daran, Euch zu beeindrucken. Sie ist kein Verkäufer, der Euch sofort seine besten Argumente präsentiert. Sie erinnert eher an den ruhigen Menschen auf einer Party, der zunächst unscheinbar wirkt und sich später als der interessanteste Gesprächspartner des ganzen Abends herausstellt.

Die Magie von Los Angeles liegt oft in einzelnen Momenten. Wenn man auf dem Griffith Observatory steht und die Lichter der Stadt bis zum Horizont reichen. Wenn die Sonne langsam im Pazifik versinkt. Wenn man morgens durch Malibu fährt und plötzlich das Meer neben sich auftaucht. Oder wenn man an einem Wintertag gleichzeitig schneebedeckte Berge und Palmen sieht. Das sind die Momente, die man nicht wirklich planen kann. Sie passieren einfach.

Los Angeles besteht aus tausend kleinen Geschichten

Je länger ich hier lebe, desto mehr glaube ich, dass Menschen sich nicht in Los Angeles verlieben: Sie verlieben sich in ihre ganz persönliche Version von Los Angeles!

Für manche ist es der Surfer-Lifestyle am Strand. Für andere die Filmgeschichte, die Musikszene oder die kreative Energie der Stadt. Wieder andere schwärmen von den Wanderwegen in den Bergen, den Aussichtspunkten oder dem Essen. Manche erinnern sich Jahre später noch an einen Taco-Stand. Andere an eine Fahrt auf dem Pacific Coast Highway. Wieder andere an den Moment, als sie zum ersten Mal den Sonnenuntergang über dem Pazifik gesehen haben.

Genau deshalb fällt es vielen Menschen so schwer, Los Angeles zu beschreiben. Jeder erlebt eine andere Stadt.

Die Wahrheit über Los Angeles

Wenn mich heute jemand fragt, ob Los Angeles hässlich ist, lautet meine Antwort meistens: „Teilweise.“

Natürlich gibt es hässliche Straßen. Natürlich gibt es Probleme. Natürlich gibt es Ecken, die man als Besucher wahrscheinlich lieber auslassen sollte. Wer etwas anderes behauptet, macht es sich zu einfach.

Aber dieselbe Stadt bietet auch spektakuläre Küstenstraßen, traumhafte Strände, beeindruckende Aussichtspunkte, eine faszinierende Kulturvielfalt und eine Landschaft, die ihresgleichen sucht.

Los Angeles ist keine klassische Schönheit. Die Stadt ist kein perfekt restauriertes Altstadtjuwel. Sie ist rauer, widersprüchlicher und manchmal auch chaotischer.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie so viele Menschen in ihren Bann zieht.

Mein Fazit

Lohnt sich Los Angeles?

Wenn Ihr eine perfekte Postkartenstadt sucht, wahrscheinlich nicht. Wenn Ihr historische Gassen, jahrhundertealte Gebäude und Sehenswürdigkeiten an jeder Straßenecke erwartet, werdet Ihr sehr wahrscheinlich enttäuscht sein.

Wenn Ihr jedoch offen für Überraschungen seid, könnte Los Angeles genau die richtige Stadt für Euch sein. Denn die faszinierendsten Seiten dieser Region offenbaren sich oft erst auf den zweiten Blick.

Für mich liegt die Stärke von Los Angeles nicht in ihrer Schönheit. Sie liegt in ihren Kontrasten. In ihrer Vielfalt. In ihrer Fähigkeit, immer wieder etwas Neues zu zeigen.

Los Angeles ist nicht perfekt – aber genau deshalb ist die Stadt so interessant!