Vom Santa Monica Pier zum Angeles Crest Highway
An diesem Sonntagmorgen saß ich mit einem großen Latte auf meiner Lieblingsbank am Santa Monica Pier. Noch ahnte ich nicht, dass mich der Angeles Crest Highway wenige Stunden später vom Pazifik bis in den Schnee der San Gabriel Mountains führen würde.
Während ich meinen Kaffee genoss, tauchte plötzlich ein kleiner Seehund neben dem Pier auf. Er schwamm einige Meter vor mir durch die Wellen, hob kurz neugierig den Kopf aus dem Wasser und verschwand wieder. Es war kein großes Ereignis. Wahrscheinlich haben ihn die meisten Menschen gar nicht bemerkt. Für mich wurde er trotzdem zum heimlichen Höhepunkt des Morgens.
Auf der Suche nach dem unbekannten Los Angeles
Während ich dort saß, überlegte ich, was ich mit dem restlichen Tag anfangen sollte. Auf Hollywood hatte ich keine Lust. Auch Downtown Los Angeles reizte mich an diesem Morgen nicht besonders. Stattdessen musste ich an einen Ausflug denken, den ich ein Jahr zuvor mit meiner Frau nach Cherry Valley unternommen hatte. Schon damals war mir aufgefallen, wie wenig ich eigentlich über die Regionen östlich von Los Angeles wusste. Das Inland Empire, der Cajon Pass oder die San Gabriel Mountains waren für mich eher Namen auf einer Landkarte als Orte, die ich wirklich kannte.
Also beschloss ich, genau dort einmal genauer hinzuschauen.
Je weiter ich Richtung Inland Empire fuhr, desto stärker veränderte sich die Landschaft. Die vertrauten Bilder von Los Angeles traten langsam in den Hintergrund. Stattdessen rückten die Berge näher, die Straßen wurden weiter und die Dimensionen größer. Irgendwann erreichte ich den Cajon Pass, einen der wichtigsten Übergänge zwischen dem Los Angeles Basin und der Mojave-Wüste.
Mormon Rocks und die Dimensionen des Westens
Bei den Mormon Rocks legte ich einen ersten Stopp ein. Die gewaltigen Sandsteinformationen wirken, als hätte jemand riesige Steinplatten schräg in die Landschaft gestellt. Tatsächlich wurden sie über Millionen Jahre von den Kräften entlang der San-Andreas-Verwerfung geformt. Ihren Namen verdanken sie mormonischen Siedlern, die Mitte des 19. Jahrhunderts mit Planwagen durch den Cajon Pass nach Südkalifornien zogen. Für sie waren die markanten Felsen ein wichtiger Orientierungspunkt auf ihrem Weg nach San Bernardino.
Während ich dort stand, zog gerade einer dieser endlos langen amerikanischen Güterzüge durch den Pass. Lokomotive um Lokomotive arbeitete sich langsam durch die Landschaft, gefolgt von einer scheinbar nicht enden wollenden Reihe von Waggons. In solchen Momenten spürt man die Dimensionen des amerikanischen Westens. Die Züge wirken nicht wie Verkehrsmittel, sondern eher wie fahrende Landschaften.
Unterwegs auf dem Angeles Crest Highway
Von dort führte mich die Strecke weiter nach Wrightwood und schließlich auf den Angeles Crest Highway. Mit jedem Höhenmeter wurde die Luft kühler. Die trockenen Hügel verschwanden langsam und machten dichten Kiefernwäldern Platz. Die Straße schlängelte sich durch die Berge, und hinter nahezu jeder Kurve öffnete sich ein neuer Blick auf Täler, Berghänge und ferne Gipfel.
Besonders beeindruckt hat mich die Gegend rund um Inspiration Point und Blue Ridge. Von dort oben konnte ich auf der einen Seite die schneebedeckten Hänge rund um den Mt. Baldy sehen, während sich auf der anderen Seite die Mojave-Wüste bis zum Horizont erstreckte. Zwischen diesen beiden Landschaften zu stehen, war ein erstaunliches Gefühl. Hinter mir die Berge, vor mir die Wüste und irgendwo weit im Westen der Pazifik, an dem ich nur wenige Stunden zuvor noch meinen Kaffee getrunken hatte.
Unterwegs entdeckte ich alte Liftanlagen zwischen den Kiefern. Die Stahlmasten standen noch immer am Hang und wirkten wie Relikte aus einer anderen Zeit. Ich blieb einen Moment stehen und fragte mich, welche Geschichten dieser Ort wohl erzählen könnte. Heute hörte man nur den Wind in den Bäumen.
Dann kam der Moment, der diese Fahrt endgültig unvergesslich machte: Zwischen den Felsen lagen tatsächlich noch Schneefelder!
Während unten am Meer vermutlich Menschen am Strand saßen, stand ich auf über 7.000 Fuß Höhe im Schnee. Ich musste unwillkürlich lachen. Nicht weil es absurd war, sondern weil dieser Kontrast so perfekt zu Südkalifornien passt. Nur wenige Stunden lagen zwischen dem Seehund am Pazifik und dem Schnee in den Bergen.
Natürlich konnte ich nicht widerstehen und nahm einen der riesigen Tannenzapfen mit, die dort überall herumlagen. Wahrscheinlich nichts Besonderes für die Menschen, die regelmäßig in den Bergen unterwegs sind. Für mich wurde er zu einem kleinen Andenken an einen Tag, der mich immer wieder überrascht hatte.
Dem Sonnenuntergang entgegen
Später machte ich noch einen Abstecher zum Mount Wilson Observatory. Schon die schmale Zufahrtsstraße ist ein Erlebnis für sich. Sie schmiegt sich eng an die Berghänge und eröffnet immer wieder neue Ausblicke auf die umliegenden Gipfel. Oben angekommen blickte ich über die Berge bis weit hinaus in das Los Angeles Basin und fragte mich, wie man die riesigen Teleskope vor über hundert Jahren überhaupt hier hinaufgebracht hatte.
Als ich meinen Weg fortsetzte, begann die Sonne langsam tiefer zu stehen. Das Licht wurde wärmer, die Schatten länger und die Berge verwandelten sich von Minute zu Minute. Die Gipfel leuchteten in Gold- und Orangetönen, während die Täler bereits im Schatten lagen. Hinter jeder Kurve öffnete sich ein neuer Blick auf die San Gabriel Mountains, und immer häufiger hielt ich an, einfach um die Aussicht zu genießen.
Je näher ich dem westlichen Ende des Angeles Crest Highway kam, desto spektakulärer wurde das Abendlicht. Die Bergketten verschwanden Schicht für Schicht im Dunst, während die Sonne langsam hinter den Gipfeln versank. Irgendwann wurde mir klar, dass ich nicht einfach nur eine schöne Straße entlangfuhr. Ich erlebte eine der beeindruckendsten Autofahrten meines Lebens.
Als ich schließlich in La Cañada Flintridge ankam, war es bereits dunkel. Während ich die letzten Kilometer fuhr, ließ ich die Erlebnisse des Tages noch einmal Revue passieren.
Warum ich Südkalifornien liebe
Am Morgen hatte ich auf dem Santa Monica Pier gesessen und einem Seehund zugesehen. Dazwischen lagen die Mormon Rocks, endlos lange Güterzüge, Kiefernwälder, Schneefelder, der Blick auf den Mt. Baldy, die Weite der Mojave-Wüste und ein Sonnenuntergang in den San Gabriel Mountains.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich Südkalifornien so faszinierend finde. Nicht wegen Hollywood. Nicht wegen der Palmen. Sondern weil man hier nie genau weiß, was hinter der nächsten Kurve wartet.
An diesem Sonntag haben mich nicht die berühmten Sehenswürdigkeiten überrascht. Es waren die Orte, von denen ich vorher kaum etwas wusste.
Und genau deshalb gehört diese Fahrt bis heute zu den schönsten spontanen Ausflügen meines Lebens.
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